Ernte, Mutterkuhhaltung und kanadische Lebensweise: Victoria Schmidt in Kanada
Mein Name ist Victoria Schmidt und ich war von April bis Dezember 2022 in Kanada auf einem Betrieb, der im Norden von Saskatchewan, östlich der Hauptstadt Regina, liegt. Bei meinem Gastbetrieb handelt es sich um einen Gemischtbetrieb, welcher sowohl Ackerbau als auch Mutterkuhhaltung betreibt. Die Gesamtgröße des Betriebs beträgt circa 5000 acres (mehr als 2000 Hektar) und es werden Raps, Weizen, Hafer, Gerste und Mais angebaut. Auf der Farm werden 500 Mutterkühe gehalten und 1000 Jungkühe gemästet. Die Besonderheit des Betriebes ist, das der Sohn meiner Gastfamilie einen eigenen Betrieb mit Mastkühen und eine Herde Mutterkühe hat, der nur circa 10 min mit dem Auto entfernt liegt. Dadurch haben wir die meisten Arbeiten oft in Zusammenarbeit erledigt.
Mutterkuhhaltung – saisonale Abkalbung
Über die Wintermonate werden die Kühe in großen Paddocks gehalten, welche nahe bei der Farm liegen. Im Sommer werden sie auf die Weiden zusammen mit den Bullen gelassen. Hier ist es üblich, dass eine sogenannte saisonale Abkalbung stattfindet. Das heißt, die Kühe werden mit Sommerbeginn größtenteils durch Natursprung des in der Herde mitlaufenden Bullen besamt und kalben im folgenden Jahr im Februar/März. Im Juni erfolgt das Branding der Kälber. Die Kälber bekommen ein Brandzeichen, Bullen werden kastriert und es erfolgt die erste Impfung, als auch das Setzen einer nationalen identifizierbaren Ohrmarke. Ende Oktober werden die Kälber von den Müttern getrennt und anschließend gemästet. Im nächsten Frühjahr werden sie dann sortiert und es wird entschieden, ob sie der Nachzucht dienen oder verkauft werden.
Aussaat im Sommer
Die Aussaat beginnt Mitte Mai. Aufgrund der kurzen Saison werden ausschließlich Sommerkulturen angebaut. Anfang Juli wurde die Silage geerntet – siliert wurden Gerste und ein Mischanbau aus Triticalen und Erbsen. Zu der gleichen Zeit wurde auch Heu produziert. Hierfür wurde das Gras mit dem Schwader geschnitten, nach dem ersten Anwelken gewendet und anschließend in kleine Quaderballen gepresst. Mitte August begann die Ernte von Weizen und Raps. Da in dieser Region die Vegetationsperioden sehr kurz sind, wird durch die vorherige Mahd die Abreife des Getreides erlangt. Eine Alternative dazu wäre, den Pflanzenbestand mit Glyphosat reif zu spritzen und anschließend im Direktdrusch zu ernten. Nach der Abreife im Schwad wird das Erntegut mit einer am Mähdrescher angebrachtem Vorrichtung aufgesammelt und gedroschen. Das übrig gebliebene Stroh wurde komplett zu Rundballen gepresst und eingelagert. Anfang Oktober wurde letztlich noch der Mais siliert.
Landwirtschaftliche Ausstellungen
Im Juni habe ich zusammen mit meiner Gastfamilie die “Farm Progess Show” in Regina besucht. Hier wurden vor allem Traktoren und landwirtschaftliche Geräte vorgestellt. Es war sehr interessant, die zum Teil sehr großen Maschinen zu sehen und viel über den Geräte-Einsatz in der kanadischen Landwirtschaft zu erfahren. Anfang Dezember habe ich zusammen mit der Nichte meines Gastvaters und ihrer Familie an der “Canadian Western Agribition” teilgenommen. Da wir die gesamte Woche dort waren und die Familie Kälber vorgeführt hat, bekam ich einen großartigen Einblick in das „Showbusiness“ und durfte durch meine Mithilfe erste Erfahrungen sammeln. Sehr interessant war es, viele unterschiedliche Kuhrassen wie zum Beispiel Texas Longhorns, Shorthorns, Red Angus und viele weitere zu sehen. Zudem wurden auch Bisons, Alpakas und verschiedene Schafrassen gezeigt.
Fachliche Weiterbildung
Da ich bei Antritt des Praktikums mein Studium bis auf die Bachelorarbeit größtenteils beendet habe, habe ich vor allem die Chance bekommen, mein in den letzten Jahren theoretisch erworbenes Wissen auf die Praxis anzuwenden. Durch meinen Aufenthalt auf der Farm und das zusätzliche Engagement meiner Hostfamilie haben ich täglich dazugelernt und einen äußerst großflächigen Einblick in die kanadische Landwirtschaft bekommen. Einen sehr guten Einblick bekam ich bei der Mutterkuhhaltung und dem Halten von Mastrindern, da dies in Deutschland nicht so verbreitet ist und auch während des Studiums hauptsächlich auf die Milchviehhaltung eingegangen wurde. Viele neue Erfahrungen habe ich zusätzlich im Umgang mit landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten bekommen. Neben der regelmäßigen Nutzung lernte ich zusätzlich auch sehr viel über die damit verbundene Wartung und Reparatur. Jeder war sehr bemüht, mir Sachen in Ruhe und verständlich zu erklären und mir bei allen anfallenden Arbeiten einen bestmöglichen Einblick zu gewähren. Sehr zu schätzen gewusst, habe ich auch das damit verbundene Vertrauen, da ich stets motiviert wurde, Aufgaben selbst zu in die Hand zu nehmen und mir nach der Einarbeitung auch die Eigenverantwortung von Betriebsabläufen überlassen wurde. Dazu gehörte beispielsweise der morgendliche Service von Erntemaschinen oder die regelmäßige Kontrolle der Tiere auf Kalbung, Krankheit, etc..
Freunde fürs Leben
Da ich von Anfang an als Familienmitglied aufgenommen wurde, habe ich mich sofort wohlgefühlt. Bereits in den ersten Wochen wurden mir Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn vorgestellt. Da ich Mitte April mein Praktikum begonnen habe, gab es direkt eine große Osterfeier mit der ganzen Familie, bei der ich herzlich aufgenommen wurde. Auch bei der Zusammenarbeit mit benachbarten Betrieb wurde ich sofort mitgenommen. Während der 8 Monate habe ich viele neue Freunde, eine zweite Familie und eine zweite Heimat gefunden. Ich hatte das große Glück, das ich wirklich sehr herzliche Gasteltern hatte und wir uns gut verstanden haben. Ich war bei allen Familienfeiern wie Thanksgiving oder dem Sommerfest mit den Nachbarn mit dabei. Auch auf die Hochzeit des ältesten Sohnes und seiner Frau wurde ich eingeladen. Durch das gute Verhältnis, ist auch sehr schnell ein sehr familiärer Alltag entstanden. Wir kochten oft zusammen, erledigten den Haushalt und sind gemeinsam einkaufen gegangen.
Vor allem mit meiner Gastmutter stehe ich noch heute in Kontakt und je nachdem dem wie es der Alltag und die Zeitverschiebung zulässt, verabreden wir uns zu Videocalls.
Persönliches Fazit
Die Erwartungen an mein Auslandspraktikum wurden mehr als übertroffen. Ich habe täglich Neues dazu gelernt und konnte vor allem meine praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und deutlich erweitern. Durch das regelmäßige Bedienen großer Maschinen und auch die damit anfallende Reparatur und Wartung hat bei mir ein neues Interessensgebiet geweckt. Durch den Aufenthalt sind auch weitere berufliche Möglichkeiten entstanden: Ich fahre neben meinem Studium für eine Agrardienstleistung mit. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich aufgrund des saisonalen Abkalbens bei vielen Geburten dabei war und dabei erste Erfahrungen bei der Geburtshilfe sammeln konnte, sowie bei der Erstversorgung von Kalb und Mutter. Das Treiben der Kühe mit Hilfe von Pferden war ein lang ersehnter Traum von mir und damit auch eine meiner tollsten Erfahrungen! Außerdem kann Kanada mit einer atemberaubenden Natur und einem großen Tierreich überzeugen. Ich habe von Waschbär, Stachelschwein, Stinktier, Elch bis hin zu Bären alles in freier Wildbahn gesehen. Saskatchewan bietet vor allem große Weiten durch die flache Landschaft und viele großartige Sonnenuntergänge. Mit etwas Glück sieht man im Sommer sogar nachts die Polarlichter.


